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Leseprobe aus „Praxis der Systemaufstellung“, I/2017

Jochen Bickert:

Das Coming out unterm Weihnachtsbaum

Die Arbeit als homosexueller Coach mit gleichgeschlechtlich Liebenden

„Ohne Wurzeln keine Flügel“ – diese von Goethe abgeleitete Überzeugung vieler Aufsteller ist für Menschen der LGBTQ (Lesbian-Gay-Bisexual-Transgender-Queer)-Gemeinde eher Drohung als heilbringende Verheißung. Hat man doch schon in früher Jugend, spätestens in der Findungsphase des Coming Outs, dass bei vielen in die ohnehin verwirrende Zeit der Pubertät fällt, gerade die Wurzeln der eigenen Familie eher als Fallstricke denn als nährende Quelle erfahren müssen. Bert Hellinger hat immer wieder formuliert, wie stark das Sich-Entfernen von der eigenen Familie und ihren Normen als dem Sterben gleichgesetzt empfunden wird. LGBTQ-KlientInnen sind daher oft früh mehr oder weniger traumatisiert, haben oft frühe Erfahrungen des konkreten Ausschlusses von der Familie hinter sich, nach dem sie ihr Anderssein öffentlich formuliert haben. Oder sie haben sich still, ohne gesetztes Coming out, dem Zugriff der Familie immer weiter entzogen, um sich anderswo in der Szene eine eigene Familie aus gleichgesinnten und ähnlich lebenden und liebenden FreundInnen aufzubauen, die auch im gängigen Szenesprachgebrauch als „Familie“ bezeichnet wird. Wenn ich als systemischer Coach dann einfordere, zur Problemlösung auf die biologische Familie zu schauen, wird dem häufig eher mit Misstrauen, Abwehr, Angst begegnet.

Die Angst, sich einer als sehr heterosexuell normierten Methode zu stellen und in sie hineingezwängt zu werden, auch, sich in einer gemeinsamen Gruppe mit Heterosexuellen zu zeigen mit den vemeintlich „ganz anders“ gelagerten eigenen Problemen, in denen vielleicht als Lösungsergebnis verlangt werden könnte, sich vom eigenen, oft harterkämpften homosexuellen Leben zu verabschieden – dies sind die Ängste, denen ich als Aufsteller immer wieder begegne.

 

Das beginnt schon bei der Vermittlung der Methode in Vorträgen. Die häufig gestellte Frage, ob ich „nach Hellinger“ arbeite, hat oft eine aggressive Ladung. Die biografische Station Hellingers als Leiter einer Missionsschule in Afrika und seine als idealisiert empfundene Vorstellung der heterosexuellen Kleinfamilie, triggert bei vielen (besonders den christlich aufgewachsenen) LGBTQ-Menschen eigene oder angelesene Erfahrungen mit „Heilungsversuchen“ (sog. „Konversions-“ oder, noch schlimmer, „Reparativtherapien“), die von kirchlichen Gruppen und Therapeuten mit vorsintflutlichen Heilsversprechen angeboten werden.

Hellinger hat sich 1999 in seinem Buch „Wie Liebe gelingt“ sehr deutlich zur (männlichen) Homosexualität geäußert. Aus seiner therapeutischen Arbeit abgeleitet, stellt er zum einen die Grundthese auf, dass Homosexualität aus einer systemischen Verstrickung entsteht und nicht aus einer genetischen Veranlagung. Damit formuliert er eine Position, über die sich auch Wissenschaftler seit Jahrzehnten streiten und bislang zu keinem abschließenden Ergebnis gekommen sind. Soweit, so gut.

Auf den Erfahrungen seiner Aufstellungsarbeit fußend stellt Hellinger drei systemische Bedingungen für Homosexualität fest:

1.       Jemand muss in einer Familie eine Frau vertreten, weil dafür kein Mädchen zur Verfügung steht. Dies führt zu einer Verwirrung in der geschlechtlichen Identität;

2.       Jemand muss einen Ausgestoßenen vertreten, der verteufelt wurde;

3.       Jemand darf aus dem Bannkreis der Mütter und der Frauen nicht ausbrechen und kann nicht zu seinem Vater.

Weiter sagt Hellinger, dass „meiner Erfahrung nach die Homosexualität in der Regel nicht reversibel ist. Vor allem bei Männern. Bei Frauen ist sie meiner Beobachtung nach eher reversibel“.

Für Homosexuelle  liest sich diese Aussage mehr als zwiespältig: Das erste Aufatmen bei „nicht reversibel“ wird sofort eingeschränkt durch die Worte „in der Regel“ und dann noch geschlechtsabhängig relativiert! Verständlich, wenn sich der letzte Satz für eine Lesbe liest wie die Stammtischzote: „Die muss nur mal richtig rangenommen werden, dann klappt das schon mit den Männern.“

Wer Hellingers Wortwahl allerdings gewohnt ist, dem erscheint es nicht als Paradox, dass er den Passus endet mit: „Bei homosexuellen Paaren entsteht oft eine sehr tiefe, persönliche Liebe. Das muss man sehen und das muss man achten. Wenn ein homosexueller Mann oder eine homosexuelle Frau ihr Schicksal anerkennen, können sie ihre Homosexualität mit Würde nehmen und mit Würde dazu stehen. Auch wenn sie es als ein schweres Schicksal erkennen. Doch beziehen die homosexuellen Männer und Frauen, wenn sie zu diesem Schicksal stehen, aus ihm auch eine besondere Kraft.“

 

Ich denke, es ist zu erahnen, in welchem Spannungsfeld ich mich als schwuler Coach in der Vermittlung der Aufstellungsmethode in der LGBTQ-Gemeinde befinde und der Abgrenzung von Hellingers Regelwerk und Sprachduktus.

 

Auch meine persönlich erste Erfahrung mit Aufstellungsarbeit war eigentlich eine abschreckende für mich als schwulen Mann. Ich war 30 Jahre alt, sehr gut in der schwulen Community sozialisiert und durch meine Bühnenarbeit auch in der „Heterowelt“ als offen schwuler Künstler bekannt. Will sagen: Ich war es über das normale Maß gewohnt, angeschaut und beurteilt zu werden.  Ich hörte von einer guten Freundin über Dietrich Weth, der seit 1993 Aufstellungen angeboten hatte. An diesem Wochenende im Winter 1998 waren es 40 Teilnehmer im Seminarraum in Frankfurt und ich dabei der einzige (offen) schwule Mann. Als die Reihe an mir war und ich mich für meine Aufstellung neben Dietrich setzte, betrachtete er mich ausführlich, lächelte und sprach nach etwa einer Minute seinen ersten Satz nicht zu mir, sondern über mich, mit Blick in die Runde: „Was seht ihr?“ Schweigen. „Zu 80% Identifikation mit der Mutter.“ – Es passierten zwei, m.E. für schwule Männer allgemein, sehr typische Dinge bei mir: Als erstes eine innere Abwehr, die sich in vermeintlicher (Selbst-)Ironie äußert, die aber eigentlich eine übernommene Abwertung ist. Ich dachte: „Ach, und das ist jetzt `ne große Kunst? Einen schwulen Mann anzuschauen und die starken weiblichen Anteile zu sehen?“ Aber ich habe diese Sätze nur gedacht - sie laut zu sagen, habe ich mich nicht getraut. Denn das fast noch schwerer in diesem Moment Wiegende war die Scham. Die Scham, von 41 fremden Augenpaaren angeguckt zu werden als Mann, der mal wieder nicht als „echter“ Mann in der heterosexuellen Welt wahrgenommen wird.

Dies sind Erfahrungen, die verständlicherweise kein schwuler Mann, keine lesbische Frau, kein Transgender machen möchte. Und in dieser Form auch nicht erleben sollte.

(…)

 

Der vollständige, 9-seitige Artikel ist erschienen in „Praxis der Systemaufstellung“, I/2017.

Das 117-seitige-Heft ist im Buchhandel zu bestellen mit der Nummer ISSN 2191-2963 oder online unter www.praxis-der-systemaufstellung.de

 

 
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